Hamburg, meine Perle!

Fast sechs Monate Vorbereitung hatte ich für den Hamburg Marathon 2012 durchgezogen. Selbst im Winter bei tiefsten Minustemperaturen hatte ich meine Laufschuhe und zwei Paar Handschuhe angezogen und war laufen gegangen. Ich konnte sogar meine Unlust besiegen und fast jede Woche zwei mal Gymnastik und Rumpfstabi machen. Alles für diesen einen Tag: den 29. April 2012. Den 27. Haspa Hamburg Marathon.

Davor
Beim Training setzte ich diesmal alles auf Jack Daniels. Ihr wisst ja: den Trainer und nicht das Getränk. Ich hatte mir die Laufformel im letzten Jahr gekauft und die Philosophie, bzw. das System hatten mir sehr zugesagt. Im Grunde gibt dir Daniels einen Baukasten in die Hand, mit dem du dir einen individuellen Trainingsplan schreiben kannst. Dieser Trainingsplan ist dynamisch und passt sich an deinen Fortschritt an. Für mich hieß das, das ich im letzten Jahr noch nicht genau wusste, welche Zielzeit ich beim Marathon anpeilen würde. Zumindest nicht als konkrete Zahl, nur eben so schnell wie es mir zu dieser Zeit möglich war. Irgendwie klang das auch logisch. Auf meinem noch jungen Leistungsniveau sind noch größere Leistungssprünge innerhalb eines halben Jahres möglich.

Ich habe in vergangenen Artikeln schon einiges zu meinem Training geschrieben und möchte daher an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen. Nur noch soviel: für mich hat es ideal funktioniert und ich fühlte mich besser aufgehoben, als mit festen Trainingsplänen, wie man sie in vielen Büchern und auf Internetseiten findet.

Gegen Anfang / Mitte April fühle ich mich auf einem absoluten Hoch, was meine Leistung angeht und fasste das Ziel 3:20 immer fester ins Auge. Diese Stimmung wurde leider in der Woche vor dem Marathon ein wenig getrübt. Irgendwas war nach dem letzten langen Lauf mit meinem rechten Bein passiert. Schon während dem Lauf bekam ich bekam ich einen Krampf im Bein. Schienbein, Oberschenkel, Po: irgendwie verspürte ich überall ein komisch Gefühl. Ich verkürzte dem Lauf dann auch, um mich zu schonen. Zuhause entdeckte ich, das zusätzlich noch eine Sehne auf dem Fußrücken geschwollen war. Ich gönnte mir Ruhe und versuchte mit sanftem Dehnen sowie heißen Bädern, Wärmesalbe und Massage die Situation zu verbessern. Die geschwollene Sehne behandelte ich mit reichlich Voltarensalbe. Nur nicht panisch werden. Es lang ja noch eine ganze Woche vor mir und mein Körper ist zum Glück mit überragenden Regenerationskräften ausgestattet – jetzt war der Moment da, um das zu zeigen. Um mich nicht zusätzlich zu verunsichern, behielt ich meine Zipperlein erstmal für mich. Ich wollte bis zum Race Day abwarten. Den Marathon konnte ich ja auch noch ganz kurzfristig Absagen, bzw. ausfallen lassen. Die restliche Woche versuchte ich dann aber trotzdem noch zwei Trainingsläufe. Diese waren in Ordnung und ich spürte keine Schmerzen oder Krämpfe. Aber irgendwie fühlte sich mein Problembein nicht ganz fit an. Dabei wechselten die betroffenen Regionen mitunter: Schienbeinmuskulatur, Oberschenkel (Vorder- und Rückseite), Muskulatur im Bereich Po / Becken, Knöchel…. irgendwie glaube ich schon an Phantomschmerzen.

Samstag
Ich reiste am Samstag Vormittag mit dem ICE an. Schön stressfrei und schnell. Als Hotel hatte ich wieder das selbe wie für das letzte Mal gewählt. Damals war ich zufrieden und daher sah ich keinen Grund, ein Risiko einzugehen. Zumal ich ja keinen längeren Urlaub plante und auf Frühstück und sonstigen Luxus gerne verzichtete. Nach dem Check-In machte ich mich auf den Weg zur Startnummernausgabe um dort meine Startnummer und meinen Starterbeutel abzuholen und einige Bekannte zu treffen. Leider machte ich den Fehler, die Meldebestätigung nicht aufmerksam gelesen zu haben. Sonst hätte ich gewusst, dass die Startnummernausgabe und die Marathon Expo in diesem Jahr nicht wieder auf dem Heiligengeistfeld, sondern auf dem Messegelände war. Ärgerlich, aber zum Glück ist das Messegelände nicht sehr weit entfernt.

Ich konnte meine Startnummer dann ohne weitere Zwischenfälle abholen und traf Jochen mit seiner Familie. Jochen ist ein ehemaliger Arbeitskollege von mir, der seinen ersten Marathon in Hamburg lief. Eine tolle Wahl, wenn man mich fragen würde. Außerdem Jochen mit mir zusammen einige Stunden mit langen Läufen in den vergangenen Wochen zugebracht, was echt klasse war. Lange Läufe in einer kleinen Gruppe finde ich viel angenehmer. Am Abend gab es dann noch ein paar Kohlenhydrate in ihrer schmackhaftesten Form beim Italiener zusammen mit einem kühlen Elektrolytgetränk. Natürlich alkoholfrei. Dabei traf ich auch noch auf Denis, einen weiteren ehemaligen Arbeitskollegen, der in Hamburg seinen zweiten Marathon lief.

Vor dem Schlafen packte ich dann noch meinen Kleiderbeutel und richtete meine Wettkampfkleidung. Nur kein vermeidbarer Stress am Race Day.

Sonntag
Der Wecker klingelte um 5:00 Uhr. Ziemlich früh und ich brauchte gute 15 Minuten, um wach zu werden. Als ich einen klaren Kopf hatte musste ich zuerst den Zustand meiner Beine, bzw. meines Problembeins prüfen. Fühlte sich gut an. Keine Schmerzen, kein komisches Gefühl. Das erste Grinsen des Tages. Eine positive Grundstimmung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ernsthafte Zweifel, ob ich das körperlich packe. Denn auch wenn ich echt gerne laufe, ein bisschen Vernunft habe ich mir bewahrt. Aber so war ich echt motiviert und vor allem überzeugt, das ich die 3:20 packe wenn nichts ungeplantes dazwischen kommt. Mir ist natürlich klar, das jeder Marathon ein Abenteuer ist, bei dem allerhand dazwischen kommen kann.

Dann die gewohnten Abläufe: Frühstück, Anziehen, Kleiderbeutel nochmals kontrollieren, vor Aufregung 12x auf Toilette. Und ab nach St. Pauli, um mich dort mit Jochen, Denis und ihren Familien zu treffen und bei der Gelegenheit meinen Geldbeutel und mein Handy zur Aufbewahrung abzugeben.

Und dann ging es auch schon in den späteren Zielbereich, um den Kleiderbeutel abzugeben und nochmals die Toilette aufzusuchen. Dort traf ich auch Sven (@ulmerspatzz), der in Hamburg auch seinen ersten Marathon lief und sich direkt 2:59 als Ziel setzte. Ambitioniert, aber bei Svens Verfassung absolut gerechtfertigt.

Startblock
In diesem Jahr war ich für den Startblock F eingeteilt, basierend auf meiner angemeldeten Zeit von 3:30. Ich versuchte im Startblock soweit wie möglich nach vorne zu kommen. Sehr weit war das aber nicht und ich wollte auch nicht drängeln. Unterm Stricht bringt das auch keinen großen Vorteil. Vielleicht zehn Meter vor mir konnte ich den Ballon den Zugläufers für 3:30 sehen. Das musste ich also vorbei und noch ein Stückchen weiter. Zehn Minuten vor dem Start nahm ich zwei High5 IsoGels. Diese Marke hatte ich aufgrund  einiger Empfehlungen im Vorfeld getestet und für gut empfunden. Nicht sehr süß, sehr gut verträglich und vor allem so flüssig, das sie ohne zusätzliches Wasser konsumiert werden können.

Und dann war es auch schon 9:00 und der Startschuss, Pardon die Startglocke erklang. Meine Strategie für das Rennen war einfach: am Anfang eine Pace von 4:35 – 4:40 min / km um am Schluss noch genug Puffer für einen Leistungsabfall zu haben. Ich kenne die Legende vom negativen Split, aber ich selber schaffe das nicht. Zum Ende hin werde ich immer ein bisschen langsamer. Und he, eine Strategie ist gut, wenn sie für dich funktioniert. Genauso wie ein Trainingsplan gut ist, wenn er für dich funktioniert. Als kleine Hilfe hatte ich im Vorfeld Zwischenzeiten für eine konstante Pace von 4:40 min / km ausgerechnet und auswendig gelernt. So konnte ich Ungenauigkeiten der GPS Uhr vernachlässigen.

Die ersten zehn Kilometer liefen ausgezeichnet. Ich lies die ersten Versorgungspunkte aus und konnte gut meine Geschwindigkeit laufen. Nach zehn Kilometern hatte ich schon einen kleinen Puffer von einer guten Minute und fühlte mich körperlich noch ausgezeichnet. Die Stimmung in Hamburg war genauso, wie ich sie vom letzten Jahr in Erinnerung hatte: großartig.

Beim Halbmarathon hatte ich meinen Puffer weiter ausgebaut, allerdings ohne zu schnell zu laufen. Ich achtete peinlichst darauf, keine Runde in 4:20 min zu laufen sondern nahm dann lieber etwas Geschwindigkeit heraus. Viel schneller als 4:35 zu laufen wäre nur kontraproduktiv für die zweite Hälfte gewesen. Mein Befinden war beim Überschreiten der Halbmarathonmarke auch noch gut. Klar, ich war nicht mehr ganz frisch aber ich hatte immer noch ein Lächeln auf dem Gesicht. Dafür gibt es auch sicher Beweisfotos!

Ab Kilometer 25 wurde es dann langsam Anstrengend. Noch weitere 10 km, dann fängt endlich der Marathon an… mit solchen Gedankenspielen versuchte ich mich zu motivieren. Klappt ganz gut. Für mich ist das auch der große Unterschied vom Halbmarathon zum Marathon: beim Halben musst du einfach nur Gas geben. Für mich überwiegt da die körperliche Anstrengung der mentalen. Beim Marathon empfinde ich das genau anders herum: die körperliche Anstrengung ist die Grundlage für den Lauf, aber die große Herausforderung ist die mentale Barriere, die man durchbrechen muss.

Meine Pace passte noch bis etwa km 35. Dann machte sich leider mein alter Bekannter, das Problembein bemerkbar. Die Muskulatur im Bereich Becken / Po fing langsam an zu schmerzen. Mist! Kann das nicht noch ein paar Kilometerchen warten? Ich lief weiter, nahm aber ein bisschen Geschwindigkeit heraus. Eine Zielzeit von 3:19:xx wäre schön, aber eine 3:22:xx ist genauso schön. Vor allem, wenn ich bedenke das meine zu diesem Zeitpunkt aktuelle PB bei 3:49:51 liegt. Ich habe das Zeug, schneller als 3:19:xx zu laufen, das weiß ich. Und wenn das nicht heute ist, dann eben im Herbst. Das motiviert mich wieder und lenkt vom Problembein ab. Hatte ich nicht bereits erwähnt, das für mich jeder Marathon ein Abenteuer ist? Egal wie viel und wie gut du trainierst, es kann immer etwas unerwartetes passieren. Wenn du als Läufer dein Bestes gibst, wie soll dich das Ergebnis dann enttäuschen?

Das Ziel kommt näher und irgendwann bin ich dann schon auf der Zielgeraden. Ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann. Glücksgefühle durchfluten mich. Die Schmerzen sind weg und ich laufe nur noch. Ich freue mich. Eine geile Zeit, irgendwas mit 3:20:xx. In sechs Monaten um knapp 30 Minuten verbessert. Leider Geil.

Danach
Erstmal essen, trinken und heiß duschen. Die Beschwerden, die mich auf den letzten Kilometern geplagt haben lassen langsam nach. Vielleicht sind sich auch noch da, aber ich nehme sie einfach nicht mehr war. Keine Ahnung. Irgendwie beeindruckend fand ich auch, das ich auf meinem Handy bereits einige Glückwünsche lesen konnte, als ich es nach dem Lauf in Betrieb nahm.

Nach dem Marathon treffe ich noch auf Sven (@Nordwork) und Alex (@pixxelrunner). Ich kannte die Beiden bisher nur aus der digitalen Welt und freue mich, sie endlich mal in echt kennenzulernen. Das Treffen bestätigt wieder einmal: Twitter ist eine tolle Möglichkeit, um nette Menschen kennenzulernen.

Am Montag treffe ich mich noch einmal mit Alex und seiner Freundin auf einen Regenerationskaffee und um zu Mittag zu essen. Die Nachwehen sind geringer als befürchtet. Neben leichtem Muskelkater in beiden Beinen ist vorgeschädigte Sehne in meinem rechten Fuß wieder etwas angeschwollen, außerdem zwickt die Muskulatur im Bereich von Po / Becken etwas mehr als der Rest. Naja, wo man hobelt, da fallen bekanntlich Späne…

Ach ja, Sven ist seinen ersten Marathon dann wirklich in 2:58:xx gelaufen und Jochen konnte seinen ersten in 3:25:xx finishen. Ebenfalls ein richtig gutes Debüt.

Fazit
Der Hamburg Marathon 2012 war mein bisher schönster Marathon und zwar nicht nur wegen der erreichten Zeit. Das Gesamtpaket passte: tolles Wetter, tolle Stimmung und das körperliche Befinden während des Laufs. Auch wenn die letzten Kilometer sehr anstrengend für mich waren. Aber he, so ein Marathon muss doch auch anstrengend sein, oder? Mich hat das Ergebnis auch darin bestärkt, für die Herbstsaison wieder auf Jack Daniels bei der Wahl meines Trainings zu setzten. Das hat einfach wunderbar funktioniert.

 

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