Die Hitzeschlacht von Hamburg

Es ist geschafft! Am 22.05.2011 bin ich in Hamburg in 4:16:59 Stunden meinen ersten Marathon gelaufen.

Davor…
Die ganze Woche hatte ich mich täglich über verschiedene Wetterportale über das prognostizierte Wetter am Sonntag informiert. Am Anfang der Woche wurden noch Regen, Gewitter und niedrige Temperaturen vorausgesagt. Sicher keine traumhaften Bedingungen, aber wenn ich zwischen Regen und brütend heißen Temperaturen wählen könnte, würde ich mich für Ersteres entscheiden. Im Laufe der Woche wurde die Vorhersage für den Sonntag aber immer besser, da sich das Unwetter immer weiter auf den Nachmittag verschob. Auch gut, bei 18 Grad und Sonnenschein würde es sicher am schönsten sein. Am Freitag Abend machte ich mich dann zusammen mit meiner Freundin auf den Weg nach Hamburg. Die Zugfahrt verlief ohne Zwischenfälle und kurz vor Mitternacht konnten wir unser Zimmer in Beschlag nehmen.

Die Startnummer in HändenAm nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück zur Marathon Expo, um die Startunterlagen abzuholen. Spätestens, als ich meine Startnummer in Händen hielt, fing ich an, so langsam aufgeregt zu werden. Ich dachte daran, dass ich vor ziemlich genau einem Jahr meinen ersten Wettkampf über 10 Kilometer hatte und es irgendwie schon total verrückt ist, sich jetzt an einen ganzen Marathon heranzuwagen. Aber jetzt gab es kein zurück mehr. Ich war mir ganz sicher darin, am Tag darauf dabei zu sein.
Den restlichen Tag nutzen wir für einen Besuch im Hamburg Dungeon und einen schönen Alster-Spaziergang. Während des ganzen Tages achtete ich darauf, dass ich zum einen sehr viel Flüssigkeit zu mir nahm und zum anderen viele Kohlenhydrate aß. Ich wollte meinem Körper ja auch genug Energie für den nächsten Tag anbieten.

Am Abend legte ich noch meine Kleidung und Ausrüstung für den großen Tag  zurecht. Außerdem suchte ich mit meiner Freundin Stellen entlang der Strecke aus, an denen wir uns treffen wollten. Wir entschieden uns neben Start und Ziel für Kilometer 13, 27 und 35. Trotz der Aufregung konnte ich dann recht schnell einschlafen. Irgendwie scheine ich aber generell über einen sehr guten Schlaf zu verfügen.

Der große Tag
Mein Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Normalerweise neige ich dazu, mich morgens noch das ein oder andere Mal umzudrehen. Aber nicht an diesem Tag. Ich hatte schließlich monatelang für diesen Tag trainiert. An Schlafen war also nichtmehr zu denken.
Ich frühstückte zwei Brötchen mit köstlicher Macadamiacreme (gibts bei Alnatura und ist superlecker). Dazu trank ich ungefähr ein Glas Kohlenhydratgetränk. Ich wollte am Morgen nicht viel trinken, damit ich mich nicht noch kurz vor dem Start an einer Toilette anstellen musste. Ich kenne meine Blase und hatte absolut keine Lust, Druck auf derselben ins Rennen zu gehen.

Wir verließen gegen sieben Uhr das Hotel und machten uns auf den Weg zum Runners Village. Dort gab ich meinen Wäschebeutel ab und nutzte die verbleibende Zeit, um mich ein bisschen warm zu machen und zu dehnen. Außerdem bereitete ich mich dort noch mental auf die bevorstehenden Stunden vor. Eine halbe Stunde vor dem Startschuss fand ich mich dann in meinem Startblock ein. Schon vor dem Start war die Stimmung gut und das sollte nur ein Vorgeschmack sein. Die letzte Wettervorhersage besagte, dass ab 14 Uhr mit Unwetter zu rechnen sei.

Startschuss
Um Punkt neun Uhr fiel der Startschuss. Wegen einer Baustelle starteten die einzelnen Startblocks aber zeitversetzt. Ich überschritt die Startlinie ungefähr um 9:05 Uhr mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Mir war am Anfang klar, dass der Marathon anstrengend werden wird. Aber ich freute mich auch unheimlich, dass der Tag endlich gekommen war. Kurz vor dem Start

Die ersten Kilometer waren recht zäh. Es war nicht leicht, eine konstante Geschwindigkeit zu laufen, da man ständig abbremsen oder ausweichen musste. Aber ich wollte es ja sowieso ruhig angehen und nicht gleich auf den ersten Kilometern alles geben. Nach drei oder vier Kilometern hatte sich das Feld auch schon leicht auseinandergezogen, sodass man gut mit einer Geschwindigkeit laufen konnte. Ich hatte mir einen Schnitt von 5:20 vorgenommen und konnte diesen auch ab diesem Zeitpunkt halten. Das änderte sich aber an der ersten Wasserstelle bei Kilometer 5.
Es gab zwar genug für alle und darüber hinaus auch genug Ausgabestellen für alle. Aber aus irgendeinem Grund bildete sich gleich am Anfang ein Knäuel aus Läufern, sodass es schwierig wurde, selbst etwas zu Trinken zu bekommen. Ich hatte mir aber fest vorgenommen, keine Wasserstelle auszulassen. Für mich war es jetzt auch nicht wirklich schlimm, wenn ich hier ein paar Sekunden verlieren würde. Es war ja schließlich mein erster Marathon und der Finish hatte die oberste Priorität.

Ab Kilometer 5 gab es dann alle 2,5 Kilometer etwas zu trinken. Bei den geraden Stationen (5, 10, 15 usw.) hab es zusätzlich auch noch Iso-Getränke und teilweise Bananen und Kohlenhydrat-Getränke. Bei den ungeraden Stationen (7,5, 12,5, usw.) gab es Trinkwasser sowie Wasser für die Schwämme.

Die ersten 10 Kilometer liefen sehr gut. Ich konnte einen Schnitt ungefähr 5:30 laufen, was ganz gut war. Die Stimmung der Zuschauer war super und irgendwie gingen die 10 Kilometer sehr schnell vorüber. Kurz vor der Verpflegungsstation nahm ein Energiegel ein, dass ich dann mit reichlich Wasser herunterspülte. Zu diesem Zeitpunkt, also ungefähr gegen 10 Uhr war schon deutlich spürbar, dass dies ein warmer Tag werden würde.

Drei Kilometer später kam der erste Treffpunkt mit meiner Freundin. Wir hatten ausgemacht, dass sie sich immer am in Laufrichtung rechten Straßenrand aufhalten würde. Ich hatte Glück und am Kilometer 13 war relativ wenig los, sodass es kein Problem war, sie am Straßenrand zu entdecken. Ich machte ein wenig langsamer, um schnell ein paar Worte zu wechseln „Alles klar?“ „Ja, alles bestens!“ Das entsprach auch voll und ganz der Wahrheit. Allerdings war das auch nur eine Momentaufnahme.
Ungefähr bei Kilometer 14 ging es durch den Deichtortunnel, in dem es verdammt heiß war. Wahrscheinlich war die Temperatur nicht wirklich höher, aber es fehlte der Wind, der ausserhalb des Tunnels die Temperatur erträglicher machte.

Bei Kilometer 15 genehmigte ich mir ein weiteres Gel. Die Temperatur war zu diesem Zeitpunkt noch weiter gestiegen. Langsam machten einzelne Läufer auch Gehpausen. Ich selbst versuchte weiterhin, meine Geschwindigkeit konstant zu halten und mich an jeder Getränkestation mit dem Schwamm zu erfrischen. Außerdem nutzte ich die Staus, die sich an jeder Verpflegungsstation bildeten, als gegeben Regenerationsphase zu sehen. Ich wollte unter keinen Umständen eine richtige Gehpause einlegen. Zum einen hatte ich Angst, dass man dadurch in einen Modus kommt, in dem sich Laufen mit Gehen abwechselt und zum anderen war es schlicht mein eigener Anspruch, dass ich meine Kraft richtig einteile.

Die nächsten Kilometer führten zuerst an der Binnen- und dann an der Außenalster entlang. In Gegend vom Jungernstieg gab es auch den ersten Punkt, an dem man durch einen Wasserschlauch erfrischt wurde – absolut herrlich!

Halbzeit
Da gab es immer eine Frage, die mich interessierte. Ist ein Marathon einfach zwei Halbmarathons? Als ich an Kilometer 21 vorbei lief, konnte ich diese Frage für mich selbst mit einem Nein beantworten. Nach meinem letzten Halbmarathon war ich körperlich total erledigt und hätte es mir unter keinen Umständen vorstellen können, dieselbe Strecke nochmals zu laufen. Diesmal was das anders. Ich war zwar auch körperlich erschöpft, aber ich nicht so wie nach dem Halbmarathon. Es war noch Energie da. Es war mittlerweile aber auch ziemlich heiß geworden. Mir war klar, dass die zweite Halbzeit anstrengender als die erste werden würde. Viel anstrengender.

Erste Spuren des VerfallsAb Kilometer 23 setzte so langsam der Verfall bei mir ein. Das äußerte sich darin, dass meine Beine immer schwerer wurden und ich immer mehr Kraft aufwenden musste, um sie zu bewegen. Meine Muskeln an Oberschenkeln und Waden wechselten sich langsam mit sanften Krämpfen ab. Ich dachte darüber nach, eine Pause zu machen und meine Beine zu dehnen, verwarf den Gedanken dann aber wieder.

Dafür beschäftigten mich aber andere Gedanken, die sich den Weg in mein Bewusstsein suchten. Zweifel. Diese kleinen Stimmen, die einen zum Aufgeben überreden wollen. Ich schaffte es zunächst nicht, diese Gedanken auszublenden. Sie waren sehr stark und ich zu dem Zeitpunkt schon ziemlich schwach.

Kurz vor Kilometer 27 entdeckte ich wieder wie abgemacht meine Freundin am Straßenrand. Wie ich später erfuhr, sah ich zu diesem Zeitpunkt anscheinend nicht mehr so fit wie bei Kilometer 13 aus. Das glaube ich sofort. Aber mir gab diese zweite Begegnung neue Kraft, mit der ich die zweiflerischen Gedanken erstmal vertreiben konnte.

Bei Kilometer 30 ging es mit mir wieder bergauf. Entweder wirkte das Gel, dass ich mir 5 Kilometer zuvor genehmigt hatte oder ich bildete mir das nur ein. Egal, wenn die Wirkung stimmte, war die Ursache egal. Ich durfte mich jetzt nur nicht zu Höchstleistungen verleiten lassen, denn es lagen immerhin noch 12 Kilometer vor mir. Für diese letzten 12 Kilometer dachte ich nur noch von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation. 2,5 Kilometer laufen. Mit dem Schwamm erfrischen. Trinken. Dieser Rhythmus bestimmte mich. Alles lief vollautomatisch ab.Letzte Kräfte mobilisieren Autopilot. Mental näherte ich mich in diesem Abschnitt immer mehr dem Nullpunkt. Ein absolut großartiges Gefühl.

Bei Kilometer 35 wurde ich kurz aus diesem Automatismus heraus gerissen, da dort wieder meine Freundin auf mich wartete. Das motivierte mich nochmals und zu diesem Zeitpunk wußte ich, dass ich es schaffen würde.

Endspurt
Die letzten Sieben Kilometer vergingen dann recht schnell. Ich lief wieder mit dem Autopiloten. Die letzten 100 oder 200 Meter lief ich wie auf Wolken. Es war unglaublich, aber ich hatte es tatsächlich geschafft. Noch nie in meinem Leben war ich so lange oder weit am Stück gelaufen. Als ich die Ziellinie überquerte, riss ich vor Freude die Faust nach oben. Ich kann das Gefühl, dass ich in diesem Moment spürte, nicht beschreiben. Aber es war wirklich wunderbar.

Danach…
Nach dem Marathon ist vor dem Marathon? Ich rechnete eigentlich, dass ich nach dem Lauf körperlich total erledigt sein würde. Ich war sehr müde, aber hatte keine Erschöpft und zufriedennennenswerten körperlichen Schäden. In den Oberschenkeln und Waden hatte ich einen ganz leichten Muskelkater. Aber wirklich nur leicht und nicht sehr schmerzhaft. In meinen Gelenken und Sehnen spürte ich überhaupt keine Schmerzen. Die einzige Stelle, die wirklich in Mitleidenschaft gezogen war, waren meine Fußsohlen. Die hatten zwar keine Blasen, aber taten weh. Heute, zwei Tage später, sind sie aber wieder ok. Lediglich ein leichter Muskelkater ist noch zu verspüren. Mich wundert das zwar ein bisschen, aber ich beschwere mich natürlich nicht.

Was jetzt noch bleibt, ist natürlich die Frage, wie es weiter geht. Die letzten Monate hat das Training für den Marathon zu einem großen Teil meiner Freizeit bestimmt und meine Gewohnheiten verändert. Rückblickend muss ich sagen, dass das eine absolut positive Veränderung war und ich dies nicht mehr missen möchte. Das Laufen ist zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens geworden, auf den ich nicht mehr verzichten möchte. Ein weiterer Marathonlauf liegt da natürlich nahe und der heimische Baden Marathon am 18. September bietet sich da natürlich sehr gut an.

 

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