Ironman Austria 2018

Zehn Monate Training für diesen einen langen Tag am Wörthersee. Lohnt sich das? Macht das denn überhaupt Spaß? Warum tut man sich das an? Ich kenne diese Fragen. Freunde und Bekannte stellen sie gelegentlich. Und von Zeit zu Zeit höre ich auch selbst in mich hinein und frage nach. Selbstreflexion ist wichtig.

Für mich kann ich all die Fragen zufriedenstellend beantworten. Ich mache das, weil es mir Spaß macht. Spaß an der Sache, viel Bewegungsdrang und die ungebrochene Faszination daran, was so ein völlig durchschnittlicher Körper alles leisten kann, beschreiben meine Motivation am Triathlon ganz gut. Und klar, eine gewisse Prise Unvernunft und Übermut ist sicherlich auch Teil des Ganzen.

Und so dauerte es im vergangenen Jahr nach dem Ironman Switzerland nicht lange, bis ich mich erneut für eine Langdistanz angemeldet hatte. Die Wahl fiel auf den Ironman Austria in Klagenfurt am wunderschönen Wörthersee. Mein dritter Triathlon in Österreich. Nach zwei Regenrennen über die Mitteldistanz (Zell am See und St. Pölten) hoffte ich diesmal auf gutes Wetter. Und ich hatte Glück. Klagenfurt sollte sich von seiner schönsten Seite zeigen und nahezu ideales Wetter bieten.

Das Training war fast wie geplant verlaufen. Auch im gefühlt zwanzigsten Jahr in Folge war ich vor Erkältungen oder sonstigen Erkrankungen verschont geblieben, wenn man mal von einem Tag mit Kopfschmerzen oder einer Magenverstimmung absieht. Lediglich ein Sturz mit dem MTB und eine dabei zugezogene Zerrung der Leiste erforderten eine kurze Laufpause im vergangenen Herbst. Ansonsten konnte ich mein Trainingsprogramm gut durchziehen.

Und weil diese Frage auch sehr oft kommt: Nebenbei hatte ich immer noch genügend Zeit, um im Schnitt 7 oder mehr Stunden zu schlafen, 40h pro Woche zu arbeiten, Konzerte zu besuchen, Bücher zu lesen, Zeit mit Freunden zu verbringen und an meinen PlayStation 4 Skills zu arbeiten. Manchmal glaube ich, dass die Logistik mittlerweile meine beste Disziplin ist. Also direkt nach der B-Note.

Ab nach Klagenfurt
Die direkte Vorbereitung und Anreise verliefen gut. Zusammen mit Kumpel Christian ging es am Freitag vor dem Rennen mit dem Auto zum Wörthersee, wo wir uns in einem kleinen Ferienhaus in der Nähe von Klagenfurt einquartierten.

Spätestens bei der Registrierung im Ironman Village kam bei mir dann auch langsam etwas Nervosität auf. Überall Funktionskleidung, Carbonbikes und erstaunlich viele Leute, die noch eine letzte oder vorletzte Trainingseinheit abspulten. Es lag bereits freitags diese Spannung in der Luft, die Stück für Stück Besitz von dir ergreift. Ein geiles Gefühl.

GUTEN MORGEN TRIATHLON!!!
Mein längster Tag des Jahres begann um drei Uhr am Morgen. Der Triathlon-Autopilot half mir, in die Gänge zu kommen. Kaffee und ein leichtes Frühstück weckten meine Lebensgeister. Gegen halb fünf machten wir uns dann auf den Weg zur Wechselzone. So früh waren die Straßen noch leer. Es war kein Problem, einen Parkplatz zu finden. Vor Ort folgte das übliche Ritual. Ab in die Wechselzone, die Reifen aufpumpen, Wasser auffüllen und die Flasche mit meiner Verpflegung anbringen. Und dann ging es auch schon ins Klagenfurter Strandbad, in dem der Start erfolgte. Schnell ein letztes Mal auf die Toilette (natürlich nur für die Nerven) und ab in den Neoprenanzug. Dabei bemerkte ich, dass die Naht am rechten Bein meiner Hose aufgegangen war. Wo normal blickdichter, grüner Stoff sein sollte, klaffte ein rund zwei cm großes Loch. Natürlich etwas ungünstig, dass erst kurz vor dem Start zu entdecken. Aber es gab nun keine Alternative mehr. Da musste halten. Eine Disqualifikation wegen Nacktheit war keine Option.

Schwimmen
Ich fühlte mich gut und war selbstbewusst genug, um mich in die Startgruppe für eine Zeit unter 1:10 Stunden einzuordnen. Das baute eine gehörige Portion Druck auf, denn so schnell bin ich zuvor noch nicht einmal annähernd gewesen. Aber irgendwie traute ich es mir trotzdem zu. Das Training war vielversprechend verlaufen und im Kraichgau lief es eigentlich auch echt gut.

Der Kanal am Ende der Strecke

Durch den Rolling Start war das Schwimmen ziemlich entspannt. Mit fehlte die Nahtoderfahrung eines Massenstarts nicht. Vor allem auf den ersten beiden Dritteln der Strecke hatte ich immer genügend Platz. Selbst an den Bojen blieb das gewohnte Gedrängel weitestgehend aus. Für einen mittelprächtigen Schwimmer wie mich waren das Idealbedingungen. Wie schon im Kraichgau versuchte ich, mein eigenes Ding zu machen und mich vor allem auch selbstständig an den Bojen zu orientieren, anstatt einfach den anderen hinterherzuschwimmen.

Die letzten 1000 Meter der Strecke führten durch den Lendkanal. Hier wurde das Feld gewissermaßen konzentriert und es kam erstmals zu Körperkontakt. Aber immer noch ziemlich zivilisiert und weit von dem entfernt, was ich beispielsweise damals auf Lanzarote erlebt hatte.

Und dann kam auch schon ganz plötzlich das Ende. Unerwartet, weil man den Abzweig zum Ausstieg erst im letzten Moment sehen konnte. Ich nahm die letzten Meter und eilte dann die Rampe hinauf, die aus dem Wasser führte. Ein erster Blick auf meine Uhr zeigte eine Zeit von 1:09 Stunden an. Konnte das echt stimmen oder hatte ich das beim flüchtigen Blick nicht richtig gesehen? Auf dem Weg zur Wechselzone schaute ich mir das nochmal genauer an. Doch, das stimmte wirklich. Krass. Das war rund 10 Minuten schneller als im letzten Jahr.

Radfahren
Der Radkurs bestand aus zwei Runden und einer kleinen Schleife am Anfang, um auf die volle Strecke zu kommen. Wie zu erwarten waren anfang relativ viele Athleten auf der Strecke, sodass ich die erste Stunde des Rennens recht viele überholt habe. Der Blick war dabei aber auch immer auf meinen Garmin gerichtet, um ja nicht zu überpacen. Denn das ist hier eben sehr verführerisch. Die Beine sind noch so frisch und eigentlich könnte man ja noch viel schneller fahren. Und dafür halt beim abschließenden Marathon bezahlen. Das Radfahren war wirklich ein Genuss. Die Landschaft ist eben traumhaft und präsentierte sich in der Sonne von ihrer besten Seite. Man musste geradezu aufpassen, dass man davon nicht zu sehr abgelenkt wurde und dabei die Verpflegung vergaß. Die bewährte Strategie kam auch diesmal wieder zum Einsatz: Alle fünf Kilometer ein Schluck aus der Buddel mit meinem Energiegetränk oder besser gesagt Energiesirup und dazu reichlich Wasser.

Die zweite Runde fand ich angenehmer als die erste. Es war zwar etwas mehr Wind aufgekommen, was mehr Kraft kostete. Aber

Auf dem Weg in die Wechselzone

das Feld hatte sich soweit entzerrt, dass man nicht ständig Leute überholen musste. Das war deutlich angenehmer und brachte einen nicht dauernd aus dem eigenen Rhythmus.

Die Strecke ließ sich trotz ihrer 1700 Höhenmeter sehr angenehm fahren. Keine wirklich brutalen Anstiege und vor allem keine ständigen scharfen Kurven, wie man sie zum Beispiel aus dem Kraichgau kennt. Alles in allem fuhr ich etwas lockerer als beim 70.3 im Land der tausend Hügel und erreichte nach rund 5:32 Stunden die zweite Wechselzone. Dort gab es dann auch direkt die größte Herausforderung des Tages: barfuß auf das Dixie-Klo. Aber hey, Ironman ist ja eine Grenzerfahrung.

Laufen
Und dann trennten mich nur noch 42,195 Kilometer von der Finishline. Ich fühlte mich gut, aber zu diesem Zeitpunkt wäre alles andere auch sehr fatal gewesen. Bisher war das Rennen für mich echt gut gelaufen. Ich war zuversichtlich, dass ich auch diesen Marathon gut ins Ziel bekommen würde. Prinzip Hoffnung!

Hier wars noch sehr easy

Und so lief ich nach Gefühl locker an. Natürlich immer im festen Wissen, dass mein Gefühl in dieser Phase des Wettkampfs nicht hundertprozentig verlässlich ist. Ich pendelte mich zunächst bei einer Geschwindigkeit zwischen 5 – 5:20 Minuten pro Kilometer ein. Das fühlte sich gut an. Die ersten 10 km konnte ich dann auch in 52 min laufen. Bis zum Halbmarathon wurde ich etwas langsamer. Aber vom Gefühl her war das immer noch sehr okay. Abgesehen von der normalen Ermüdung meiner Muskulatur zwickte auch nichts. Keine Krämpfe, keine Blasen. Und vor allem auch keine schlechten Gedanken, gegen die ich ankämpfen musste.

Alle zwanzig Minuten riss ich ein Gel auf, dass ich dann in vielen kleinen Schlucken zu mir nahm und mit Wasser von den Verpflegungsstationen nachspülte. Obwohl ich mir auf dem Bike schon 400g an Kohlenhydraten zugeführt hatte, machte mein Magen keine Probleme auf der Laufstrecke.

Problematisch war nach einiger Zeit eher die sensorische Wahrnehmung aka der furchtbare Geschmack. Ich hatte mir vier von meinen bevorzugten Gels in den Wechselbeutel gepackt, die ich zunächst aufbrauchte. Danach griff ich auf die vom Veranstalter angeboten Sorten zurück. Dort gab es Enervit Heidelbeere (furchtbar) und Orange ( noch furchtbarer) zur Auswahl. Ich musste also bereits in meiner zweiten Stunde auf der Marathonstrecke mit mentalen Tricks arbeiten und mit gedanklichen Bildern von Pizza, Pommes und Bier gegen den Gelgeschmack ankämpfen. Irgendwie funktionierte das. Vielleicht sollte ich mir in mein Instagram Profil »Triathlet und Mentalist« schreiben.

Nach rund 1:52 Stunden hatte ich die Hälfte der Strecke geschafft. Nur noch ein Halbmarathon. Das geht doch irgendwie immer. Redete ich mir zumindest ein (vgl. »Mentalist«). Schlimme Schmerzen blieben bei mir auch auf den letzten 21 km aus. Allerdings wurde die Ermüdung spürbarer. Und mit »spürbar« meine ich »nicht ignorierbar«. Auf der anderen Seite sagte mit der Blick auf die Uhr, dass eine Laufzeit von unter vier Stunden möglich war. Und das pushte mich.

In dieser Phase des Rennens viel mir das Rechnen und Denken zunehmend schwerer. Zum Glück funktionierten die wichtigen Automatismen noch: Gel nuckeln, Wasser trinken, Quatsch mit den Zuschauern machen. Die Autolap auf meiner Uhr zeigte mir Zeiten an, die irgendwo im Bereich von 5:40 min pro km waren. Lediglich zweimal war eine Zeit jenseits der sechs Minuten dabei (und das war bei der furchbaren Todesrampe in Klagenfurt, die auf der zweiten Runde viel steiler geworden war!).

Die letzten beiden Kilometer waren dann wieder sehr angenehm zu laufen. Immer wieder schön, was die körpereigenen Endorphine alles mit einem machen können. Als ich dann endlich auf die Zielgerade mit ihrem roten Teppich einbiegen durfte, war das ein geiles Gefühl. Die letzten Meter waren sehr emotional für mich. Es flossen keine Tränen, aber ich verspürte ein unheimlich tiefes Glücksgefühl. Glück darüber, es geschafft zu haben. Dankbarkeit darüber, sowas überhaupt machen zu können.

Danach
Aus irgendwelchen Gründen hatte ich nach dem Zieleinlauf große Lust auf Bier und herzhafte Speisen. Nachdem ich mich im Zielbereich gestärkt und mich mit (echtem) Bier und einer Dusche wieder halbwegs hergestellt hatte, packte ich mit Hilfe von

Das beste Bier des Jahres!

Christian das ganze Equipment ins Auto. Den Rest des Abends verbrachten wir dann an der Finishline, wo wir die Athleten kräftig anfeuerten und auf den letzten Finisher um Mitternacht warteten.

Am nächsten Tag ging es mir besser als erwartet. Klar, irgendwer hatte mir Beton in die Beine gefüllt. Aber sonst ging es den Umständen entsprechend ganz gut. Am Ende reichte es für mich zu einer Zeit von 10:45:27 Stunden. Das war ungefähr 50 Minuten schneller als im vergangenen Jahr in der Schweiz. Besonders freut mich, dass ich allein im Wasser rund 10 Minuten schneller war und ich zum ersten Mal den Marathon unter 4 Stunden laufen konnte. Ich bin sicher, dass da noch Luft nach oben ist und der Weg, den ich mit dem Training beschreite, der Richtige ist.

Und dann war da noch die sich auflösende Naht meiner Hose und das dadurch entstandene Loch. Während des Wettkampfs war ich so voll mit Adrenalin, dass ich nicht einmal daran gedacht habe. Mir fiel es erst wieder auf, als ich nach dem Wettkampf duschen war.

Und so bin ich gespannt, wie es im kommenden Jahr in Frankfurt für mich laufen wird.

 

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