IRONMAN Lanzarote 2016

Samstag, 21. Mai 2016, 20:03 Uhr. 
Ich bin seit über 13 Stunden unterwegs und kann seit gut 90 Minuten vor Schmerz meine Füße fast nicht mehr vom Boden heben. Aber eben habe ich den 41. Kilometer passiert. Schmerzen sind mir jetzt egal. Ich laufe wieder an und bin fest entschlossen, das Ding sauber zuende zu bringen. »Das Ding« ist der Ironman Lanzarote und meine erste Langdistanz.

Ungefähr ein Jahr früher. 
Meine Wahl fiel letztes Jahr auf Lanzarote, nachdem ich wegen einer Verletzung nicht wie geplant in Frankfurt starten konnte. Damals brauchte ich ein neues Ziel, um die Frustration abzufedern und mich neu zu motivieren. Zur Wahl standen damals wieder die Vernunft (nochmals Frankfurt) oder eben… ich entschied mich damals für Letzteres.

Meine Vorbereitung verlief im Großen und Ganzen recht gut. In die spezifische Vorbereitung stieg ich im Spätsommer des vergangenen Jahres ein. Wie immer konnte ich ohne eine Erkältung oder Grippe durchtrainieren (meinem Premium-Immunsystem sei Dank). Im Februar ging es dann mit Hannes Hawaii Tours für zwei Wochen ins Trainingslager nach Fuerteventura. Leider hatte ich danach für einige Wochen massive Probleme mit der Schulter, da ich mir eine Schleimbeutelentzündung zugezogen hatte. Das schränkte mein Schwimmtraining massiv ein. Ich konnte daher seit Ende Februar nur noch Technik- und Grundlagentraining machen. Einen weiteren kleinen Rückschlag gab es dann noch im März, als ich beim Laufen stürzte und auf mein rechtes Knie fiel. In der Folge hatte ich recht unangenehme Schmerzen, die mein Arzt als Knochenhämatom identifizierte. Zum Glück nichts Schlimmes, wenn man von den Schmerzen absah.

Alles in allem fühlte ich mich sehr gut vorbereitet. Neben dem körperlichen Training, in das ich in den Spitzenwochen durch die langen Radausfahrten auch mal 20 Wochenstunden investierte, war ich vor allem auch mental sehr ausgeglichen. Ein so langer Wettkampf ist zu einem großen Teil auch Kopfsache und daher habe ich in den Monaten zuvor auch Zeit für das mentale Training investiert.

Die Tage vor dem Wettkampf
Am Dienstag vor dem Rennen ging es zusammen mit meiner Frau und meinem Carbonrenner von Frankfurt aus nach Lanzarote. Wir hatten die Reise wieder bei Hannes gebucht. Die Anreise erfolgte nicht ganz problemlos. Als wäre der Transport meines Radkoffers mit dem ICE nicht schon aufregend genug gewesen, kam der große Schreck am Flughafen Frankfurt. Nach dem Sicherheitscheck war auf einmal mein Handgepäck verschwunden. Herzrasen, Plus bei gefühlten 120% HFmax. Mit Hilfe des Sicherheitspersonals, der Polizei und meiner Frau konnte das Problem dann aber doch noch gelöst werden. Eine ältere Dame hatte sich versehentlich meinen Rucksack geschnappt und war damit in Richtung Gate gelaufen. Zum Glück war der Spürsinn meiner Frau gut genug, um das rechtzeitig zu entdecken.

Der Rest der Reise verlief dann aber ruhig. Am Flughafen auf Lanzarote empfing uns Hannes, der uns mit seinem Bus zum Hotel fuhr. Bei der Gelegenheit lernten wir auch gleich ein paar andere Teilnehmer aus unserer Gruppe kennen. Insgesamt waren wir rund 40 Leute (Wettkämpfer und Begleitung). Nach dem Abendessen baute ich dann noch mein Rad zusammen, um am nächsten Tag direkt eine Runde zu fahren. Leider hatte ich die Rechnung ohne Murphys Law gemacht. Plötzlich funktionierte meine Hinterradbremse nicht mehr korrekt. Irgendwie schien der Bremszug zu haken. Ich hatte sowas schon mal erlebt und wusste, dass ich hier einen neuen Zug brauchte. Aber woher nehmen? Es war noch genug Zeit und auf der Insel gab es sicher genügend Fahrradläden, die sowas reparieren konnten. Ich schrieb also noch schnell Hannes per WhatsApp und fragte nach einem guten Laden, der sowas reparieren kann. Dann ging es auch schon ins Bett, denn am nächsten Morgen stand das erste Freiwasserschwimmen auf der Wettkampfstrecke an.

Am nächsten Morgen hatte ich eine Antwort. Ein passender Laden war ganz in der Nähe und öffnete um 9 Uhr. Perfekt. Während ich also schwimmen war, brachte meine Frau das Bike zum Mechaniker, um es reparieren zu lassen. Die Reparatur dauerte dann 4 Stunden und kostete inklusive eines kompletten Checks 40€. Ein sehr fairer Preis.

Die restlichen Tage nutzten wir, um die Radstrecke abzufahren (mit dem Bus), die Startunterlagen im Club La Santa abzuholen und zu entspannen. Ich achtete in der Wettkampfwoche stark auf meine Ernährung. In der Vergangenheit hatte ich oft Probleme mit Magen und Darm, darauf wollte ich diesmal gerne verzichten. Durch eine genaue Beobachtung meines Essverhaltens, weiß ich ziemlich gut, was bei mir Probleme macht. Und so ernährte ich mich in diesen Tagen hauptsächlich von Kohlenhydraten (Kartoffeln, Nudeln) und Protein, verzichtete aber auf starke Gewürze, Salat und die meisten Gemüsesorten. Das ging für mich perfekt auf. Außerdem achtete ich darauf, dass ich viel trank.

Am Freitag war dann endlich der Bike Check-in. So langsam stieg auch die Aufregung in mir. Das sah alles ziemlich cool aus. Ich schwankte immer zwischen großer Vorfreude und dem Zweifel daran, ob das auch alles wahr ist.

Samstag, 21.05.2016, 03:15 Uhr
Mein Wecker klingelt und ich bin beim ersten Ton hellwach. RACEDAY. Endlich. Ich freue mich auf das Abenteuer, das vor mir liegt und spule erstmal mein erprobtes Standardprogramm vor jedem großen Wettkampf ab. Eine Tasse Kaffee, ein Stück Baguette mit Konfitüre, dazu etwas bewegen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Und natürlich drölfzig mal auf die Toilette.

Um kurz nach fünf fährt uns Hannes zur Wechselzone. Ich gehe durch die Reihen von Rädern, bis ich bei meinem bin. Nur noch schnell die Getränke auffüllen, meine Gelflasche anbringen und einige PowerBars deponieren. Für letztere habe ich eine Oberrohrtasche, die ich mit kleingeschnittenen Riegelstücken fülle. Das hat sich im Training bewährt und im Wettkampf soll man ja keine Experimente machen. Abschließend pumpe ich 8 bar in meine Reifen und verweile noch ein wenig in der Wechselzone, um die Stimmung aufzusaugen. Das ist wirklich etwas Besonderes, das sich schwer mit Worten beschreiben lässt.

Als ich fertig bin, wird es auch schon langsam Zeit, um den Neo anzuziehen. Die Uhr zeigt 6:20 Uhr an. Meine Frau hilft mir und ich bin unheimlich froh darüber, dass sie mit mir auf der Insel ist. Als ich mich endlich in die Gummipelle gezwängt habe, ist der Startschuss nicht mehr fern. Es wird Zeit, um den letzten Beutel abzugeben und sich auf den Weg zum Schwimmstart zu machen.

Schwimmen
Auf Lanzarote gibt es einen Landstart und man wird gebeten, sich entsprechend seiner Leistung einzuordnen. Ich begebe mich nach einem kurzen Einschwimmen in den Bereich der 1:20h Schwimmer. Als ich nach hinten blicke, sehe ich unglaublich viele Schwimmer hinter mir. Für Zweifel gibt es heute aber keinen Platz. Ich will heute Spaß haben.

Durch die Laufsprecher kommt die Ansage, dass der Start in einer Minute erfolgt. Wir sollen nun für dreissig Sekunden still sein und dann die letzte halbe Minute applaudieren. Es breitet sich tatsächlich schlagartig Stille aus. Ich denke an das vergangene Jahr, an das Abenteuer, das vor mir liegt und an meine Frau, die mich unterstützt, vor Ort mitfiebert und für meine Freunde live via Twitter Bericht erstattet. Dann setzt der Applaus ein und ich grinse einfach. Let’s rock!

Beim Startschuss starte ich meine Uhr. Der Pulk setzt sich in Bewegung und etwa eine Minute später stürze ich mich in die Fluten des Atlantik. Ich möchte ruhig und kontrolliert schwimmen und dem Gedränge so gut wie möglich aus dem Weg gehen. Die erste Boje nehme ich daher mit einigen Metern Abstand und der Plan geht auf. Ich stecke keine ernsthaften Prügel ein. Das habe ich bei kleinen Feld-, Wald- und Wiesentriathlons schon ganz anders erlebt. Der Schwimmkurs ähnelt einem Rechteck, was die Orientierung erleichtert. Die Bojen sind aber leider für meinen Geschmack etwas zu klein. Es fällt mir schwer, sie auf größere Distanz im Meer zu sehen.

Als die erste Runde zu Ende geht, gibt es einen kleinen Stau. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir aber, dass ich gut im Plan liege und dass mein Landgang knapp eine Minute dauert. Die zweite Runde empfinde ich angenehmer als die erste. Das Feld hat sich schön entzerrt und wenn ich die Bojen sehen könnte, dann wäre der Idealkurs kein Problem gewesen. Nach er zweiten Runde zeigt meine Uhr 1:18 h an. Eine tolle Zeit für mich, vor allem, weil ich nicht am Limit geschwommen bin. Vielleicht ist da ja wirklich noch Luft nach oben.

Erster Wechsel
Als ich aus dem Wasser bin, ziehe ich meine Brille und Badekappe aus und meinen Neo bis zur Hüfte herunter. Kurz nach dem Schwimmausstieg befindet sich eine Dusche, unter der man sich grob das Salz vom Körper waschen kann. Der Wasserdruck ist allerdings überschaubar. Es geht weiter über den Strand bis hin zum Wechselzelt. Davor greife ich mir noch schnell meinen Bike-Beutel. Im Zelt ziehe ich mir den Neo vom Leib, setzte meinen Helm auf und nehme mir meine Radschuhe. Es geht weiter, aus dem Zelt hinaus, einige Meter weiter am Strand und schließlich über eine kleine Steigung hinauf auf die Straße vor dem Strand. Dort befindet sich der Großteil der Wechselzone. Ich laufe zu meinem Rad und damit dann in Richtung Wechselbalken.

Rad
Die Radstrecke ist fordernd und ich weiß, dass ich meine Kräfte gut einteilen muss. Die harten Anstiege befinden sich auf der zweiten Hälfte des Kurses. Nur nicht übernehmen. So sagt man das ja im Allgemeinen. Mit einem Wattmesser ist das auf so einem Kurs auch sicher recht einfach. Mangels eines solchen Gerätes blieb mir aber nichts anderes übrig, als mich auf mein Gefühl zu verlassen.

Für mich war das Entscheidende, während der Fahrt genügend zu trinken und zu essen. Ich kenne mich und weiß, dass ich das im Training oft vernachlässige. Heute durfte das aber nicht passieren, schließlich würde der Wettkampf noch etwas länger dauern.

Ich orientierte mich daher an der Wettkampfzeit und der zurückgelegten Distanz. Alle 15 Minuten trinke ich und alle 10 km nehme ich einen Schluck aus meiner Gelflasche und ein Stück Riegel. Ich sage mir das ständig wie ein Mantra im Kopf auf, um es ja nicht zu vergessen. Diese Strategie geht auf.

Zumindest theoretisch. Ich habe die Rechnung nämlich ohne die Kombination aus Rennsituation und Riegelkonsistenz gemacht. Im Gegensatz zum Training schwappt nämlich immer wieder mal ein kleiner Schluck Wasser über mein Oberrohr und damit auch in die dort angebrachte Tasche. Das führt dazu, dass sich die portionierten Riegel in eine Art Meisenknödel verwandeln. Nun ja, das war nicht so geplant und für den Rest der Fahrt kratze ich mir kontinuierlich PowerBar Brei aus der Tasche.

Die Radstrecke ist der Wahnsinn. Die 2500 Höhenmeter sind okay, aber der starke Passatwind kostet viel Kraft. Teilweise muss man bei Abfahrten am Limit treten, um auf 40 km/h zu kommen. Dafür entschädigt die atemberaubende Kulisse. Lanzarote bietet extrem viel fürs Auge. Und für die Beine.

Apropos Beine. In den Feuerbergen sehe ich den beeindruckendsten Athleten, der mir je unter die Augen gekommen ist. Ein Mann mit nur einem Bein pedaliert ohne Prothese einbeinig den Berg hinauf. Ein großartiger Sportler in einem großartigen Rennen.

Das Wetter schlägt ständig Kapriolen. Mal brennt die Sonne, mal sieht der Himmel nach Regen aus. Die einzige Konstante ist der Wind, der einen bergauf bei Gegenwind teils zu einstelligen Geschwindigkeiten und mit Rückenwind auf den wenigen Flachpassagen auch mal mit über 60 km/h pustet.

Die Straßen sind überwiegend sehr gut. Es freut mich, dass die ganzen EU Gelder auch sinnvoll investiert werden können. Einzig ein kleines Stück von vielleicht 3 Kilometern ist in sehr schlechtem, geradezu desaströsem Zustand. Auf diesem kurzen Stück liegen mehr Radflaschen, Trinksysteme und Werkzeuge als auf dem gesamten Rest der Strecke.

Die restlichen Kilometer fliegen an mir vorbei und ich freue mich auf die Wechselzone. Puerto del Carmen taucht auf und auf einmal sind da überall Menschen und am Horizont wird die Wechselzone sichtbar. Ich steige am Wechselbalken vom Rad und schiebe es hinein. Dort wird es mir gleich von freundlichen Helfern abgenommen.

Zweiter Wechsel
Ich laufe ans Ende der Wechselzone, um meinen Beutel zu holen und mache mich dann auf den Weg zum Wechselzelt. Zuvor mache ich noch einen kurzen Stopp auf dem Dixie. Diese zwei Minuten müssen sein und sollen der einzige Boxenstopp bleiben.

Im Wechselzelt freue ich mich über eine freundliche Helferin, die mich mit reichlich Sonnencreme einreibt, während ich meine Socken und Schuhe anziehe. Ich setze meine Sonnenbrille und meinen Visor auf und greife mir vier Gels aus meinem Beutel. Und dann mache mich auf den Weg zur letzten Disziplin des Tages.

Laufen
Nur noch ein Marathon. Im Vorfeld war das immer der Knackpunkt in meinen Überlegungen. Zunächst lief es auch noch ganz gut. Klar, die Beine waren nicht mehr frisch, aber die ersten fünf Kilometer waren sehr okay. Danach pendelte sich meine Pace bei einem hohen Fünferschnitt ein und das ließ sich gut laufen. Vom Kreislauf und der Kondition her fühlte es sich noch gut an.

Ich brachte den ersten Halbmarathon mit viel Zuversicht in guten zwei Stunden hinter mich. Dann machten sich Blasen an meinen Fußsohlen bemerkbar, die gefühlt den Großteil der verfügbaren Fläche einnehmen mussten – an beiden Füßen. Ich ging quasi wie auf Wolken. Ab km 24 wurde ich langsamer, weil es langsam echt ziemlich schmerzhaft wurde. Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass dies noch gar nichts ist.

Bis km 32 wurde ich schleichend langsamer. Dann ging auf einmal nichts mehr, das auch nur im Entferntesten mit Laufen zu tun hatte. Ich bekam nämlich Krämpfe in beiden Beinen. Mehr als humpelndes Gehen war nicht mehr drin. Aber es waren auf der anderen Seite nur noch zehn läppische Kilometer. Die konnte ich notfalls auch robben. Und so humpelte ich die letzten Kilometer mit Blasen an den Füßen und Krämpfen in den Beinen in Richtung Ziel. Aufgeben war keine Option.

Als ich den 41. Kilometer passiere, packt mich die Euphorie und ich laufe wieder los. Die Schmerzen sind ausgeblendet und ich bin völlig berauscht. Dann taucht endlich die Finishline vor mir auf und ich laufe in den Zielkanal. Ich reiße meine Arme in die Höhe und bin unglaublich happy. Am Rand sehe ich noch meine Frau stehen, die mir irgendwas zuruft.

Das wars. Ich bin ein Ironman und habe Lanzarote in 13:10:29h bezwungen. Meine erste Langdistanz und es war echt ein großer Spaß. Trotz der Schmerzen am Ende.

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