Ironman Switzerland 2017

Sonntag früh, 6:53 Uhr. Während normale Leute wahrscheinlich noch schlafen oder gerade erst von einer harten Partynacht nach Hause kommen, stehe ich in einem Pulk von 1700 Triathleten am Rand des Zürichsees. Alle fünf Sekunden stürzen sich acht Athleten in die Fluten, um ihren längsten Tag des Jahres zu erleben. Für mich ist es die zweite Langdistanz und so weiß ich, dass dieser Tag von zwei Dingen dominiert sein wird: der Euphorie darüber, das scheinbar unvorstellbare zu tun und von ausgeprägten Schmerzen. Aber genau das ist es, was ich will und worauf ich seit Monaten hingefiebert habe. Ich will nochmal diese Erfahrung machen.

Der See ist klar und durch den Rolling Start entzerrt sich das Startfeld sehr angenehm. Ich komme schnell in meinen Rhythmus und achte sehr penibel darauf, mich auf den ersten Metern nicht zu verausgaben. Das klappt. Die Strecke führt über eine große Runde ohne viele Wenden. Dadurch gibt erst gar nicht die Möglichkeit, dass es zu Engstellen kommt. Ich denke ein paar Mal darüber nach, ob ich nicht noch eine Schippe zulegen soll, entscheide mich aber jedes Mal dagegen. Wahrscheinlich ist das auch die richtige Wahl. Ich darf nämlich nicht vergessen, dass ich beim Schwimmtraining in der Regel nur das Minimalprogramm von vier bis fünf Kilometern in meiner Vorbereitung absolviert habe. Pro Woche und nicht pro Training, wohlgemerkt! Außerdem finde ich es unheimlich schwer, mich beim Schwimmen realistisch in Bezug auf die Geschwindigkeit einzuordnen. Und es wäre doch sehr schade, sich direkt zu Beginn schon zu verzocken. Nach 1:19h steige ich aus dem Wasser. Für mich eine solide Zeit, mit der ich zufrieden bin.

Der erste Wechsel erfolgt routiniert und ist mit knappen fünf Minuten voll im Plan. Ich hatte mich vor dem Start an gewissen Problemstellen ordentlich mit Melkfett eingerieben, sodass ich den Neoprenanzug ohne Probleme vom Körper bekomme. Die angesprochenen Probleme entstanden dadurch, dass ich meinen ersten (und einzigen) Neo im Jahr 2013 gekauft habe und in den letzten Jahren vor allem an den Beinen ordentlich zugelegt habe. Neopren ist natürlich in gewissen Grenzen dehnbar, aber das An- und vor allem Ausziehen wird dadurch leider nicht einfacher.

Dann geht es endlich auf das Rad. Die Strecke besteht aus zwei Runden. Zunächst gibt es 30 ziemlich flache Kilometer entlang des Zürichsees – perfekt, um den Rhythmus zu finden. Danach biegt die Strecke ins Hinterland ab, wo auch drei der vier Anstiege warten. Der erste davon ist recht moderat, der zweite hört auf den Namen »The Beast« und geht schon mehr zur Sache. Der Name verpflichtet eben. Der Dritte hingegen ist wieder sehr fair, dafür ziemlich lange. Alles in allem aber gut machbar. Nach 70 km geht es dann auch schon wieder auf am See zurück in Richtung Start.

Bevor man allerdings die erste Runde beenden kann, steht noch ein Ausflug zum »Heartbreak Hill« an. Das ist ein kurzer, giftiger Anstieg von knapp 100 Höhenmetern. Allerdings ist hier so viel Stimmung, dass man jede Anstrengung sofort vergisst. Das Highlight bildet eine an beiden Seiten von Zuschauern gesäumte Straße, die gerade genug Platz lassen, dass man fahren konnte. Gänsehaut pur! Kurz darauf ist die erste Runde auch schon geschafft. Die zweite Runde ist anstrengender, da mittlerweile etwas Wind aufgekommen ist. Das merkt man vor allem auf den ersten 30 Kilometern, die sich nun doch etwas schwerer treten lassen. Ich versuchte, nicht übermäßig dagegen anzukämpfen. Denn meine Sorge ist, dass ich mich auf dem Rad übernehme und beim Laufen dafür bezahle. Trotzdem fühlt sich das Radfahren noch gut und nicht zu hart an.

In Zürich gibt es nur eine Wechselzone, sodass man sein Rad einfach wieder an seinen alten Platz stellt. Nachdem das Rad im Ständer hängt, schnappe ich mir meinen Wechselbeutel und laufe ins Wechselzelt. Helm ab, Schuhe an und los. Fast zumindest, denn bevor ich auf die Laufstrecke gehe, lege ich noch einen kurzen Toilettenstopp ein. Den hätte ich mir allerdings sparen können, denn anscheinend hat mein Körper jeden überschüssigen Tropfen Flüssigkeit herausgeschwitzt. Bei rund 5-6 Litern, die ich auf dem Rad getrunken habe, ist das eine beachtliche Leistung. Und ein starker Hinweis darauf, wie krass Dehydration eigentlich sein kann.

Schließlich bin ich nach ziemlich genau sieben Stunden auf der Laufstrecke. Eine Stunde früher als im letzten Jahr auf Lanzarote. Ich fühle mich gut, oder eben so gut, wie man sich nach sieben Stunden Sport fühlen kann. Der Magen mach noch immer keine Probleme und das beruhigt mich.

Auf der ersten der vier Runden kann ich noch ganz gut laufen. Dann wird es zunehmend schwerer. Gut, das ist jetzt keine sehr große Überraschung. Mein Kreislauf macht mir Probleme. Nicht so extrem, dass ich mich setzen muss, aber doch so stark, dass ich es nicht einfach so ignorieren kann. Ich versuche es natürlich trotzdem. Aber das ändert nichts. Mein Puls sackt auf 120 Schläge ab und ich bekomme ihn nicht mehr höher. Dazu kommt ein leichter Schwindel. Vielleicht liegt es am mittlerweile recht schwül gewordenen Wetter. Vielleicht hängt es aber auch mit den acht Stunden Sport zusammen, die ich bisher hinter mir habe habe.

Ich nehme mir an den Verpflegungspunkten Zeit, um viel zu trinken und mich mit Wasser und nassen Schwämmen zu kühlen. Das tut gut und gibt mir jedes Mal wieder etwas Kraft. Die zweite Runde ist dann irgendwann auch geschafft. Jetzt ist es nur noch ein Halbmarathon. Eine Distanz, die ich in den vergangenen Monaten jede Woche mindestens einmal zurückgelegt habe. Ist das alles? Zum Glück ja. Auf der dritten Runde begegne ich meinem mentalen Tiefpunkt. Zu der leichten Benommenheit kommen jetzt auch noch Schmerzen in meinen Füßen. Das fühlt sich an, als ob ich dicke Blasen an den Sohlen hätte. Meine Schritte werden etwas kürzer und das Lächeln fällt mir schwerer. Und natürlich kommt irgendwann auch der Gedanke ans Aufgeben, nachdem ich den dritten oder vierten Athleten sehe, der am Straßenrand liegt und medizinisch versorgt wird.

Aber geht es mir verglichen mit diesen Leuten wirklich so schlecht? Oder sollte ich nicht viel lieber froh sein, dass ich eben noch laufen und das Ding ins Ziel bringen kann? Der Umgang mit negativen Gedanken gehört dazu und ich darf jetzt keinen Schritt nachgeben. Ich muss nach vorn blicken und mir in Erinnerung rufen, warum ich das mache. Es ist weder eine Pflicht noch eine Bürde, sondern ein Privileg. Ich bin hier, weil ich Triathlon liebe und gesund genug bin, um diesen Sport in dieser extremen Form ausüben kann. Wenn eine Langdistanz auch ein mentaler Wettkampf ist, bin ich gerade an meinem mentalen Heartbreak Hill angelangt. Ich konzentriere mich auf positive Bilder. Meine Frau und meine Freunde, die extra nach Zürich gekommen sind, um mich zu unterstützen und mich anzufeuern. Auf den Zieleinlauf, der für alles entschädigt. Und natürlich auf das beste Bier des Jahres, das es heute Abend geben wird. Es wirkt. Das Lächeln in meinem Gesicht gewinnt an Kontur und meine Schritte werden entschlossener. Nun ja, vielleicht nicht schneller, aber für mich fühlen sie sich besser an. Ich weiß, dass ich das Ding zu Ende bringen werde.

Nach einem Marathon in rund viereinhalb Stunden bin ich im Zielkanal und laufe auf dem ausgelegten Teppich dem Zielbogen entgegen. Diese letzten Meter sind von Zuschauern gesäumt, die einen nochmal so richtig anfeuern. Das fühlt sich verdammt gut an. Als ich das Ziel durchschreite, bin ich unheimlich glücklich. Ich habe es geschafft und trotz der Schmerzen fühlt sich jetzt alles sehr, sehr gut an. Und die 11 Stunden und 36 Minuten kommen mir auf einmal gar nicht mehr so lange vor

Irgendwann nach dem Zieleinauf mache ich mich mit meiner Frau auf den Weg ins Hotel. Das sind circa 45 Minuten zu Fuß und ich kann den Weg ohne zu Humpeln gehen. Ich spüre natürlich meine Beine, aber verglichen mit meinem Zustand nach dem Rennen auf Lanzarote geht es mir wirklich gut. Den Tag lassen wir in einem Restaurant in der Nähe des Hotels bei leckerem Essen und kühlem Bier ausklingen.

Ich bin mit dem Rennen voll und ganz zufrieden. Ich hatte mir zwar im Vorfeld ausgemalt und vorgenommen, etwas schneller zu laufen, aber das war einfach nicht drin. Das liegt vielleicht ein ganz kleines Bisschen an der Tagesform und dem Wetter, zu einem großen Stück aber auch an meinem Training. Insofern ist das keine Sache, über die ich unzufrieden sein kann. Sehr froh bin ich, dass meine Ernährungstrategie aufging, die diesmal ausschließlich auf Flüssigkeit und PowerBar Weingummis gesetzt hat. Für meinen empfindlichen Magen war das perfekt.

Eine Freundin sagte mir im vergangenen Jahr, dass die Langdistanz wirklich ein geiles Format ist. Ich habe jetzt zwei Stück hinter mir und kann dieser Aussage ohne Vorbehalt zustimmen. Ich habe die (verletzungsfreie) Vorbereitung in diesem Jahr sehr genossen und der große Tag an sich war wieder ein Erlebnis, das in Erinnerung bleiben wird. Werde ich nochmal eine Langdistanz angehen? Wahrscheinlich schon. In den kommenden Wochen werde ich mir allerdings erstmal etwas Ruhe und Alternativprogramm genehmigen. Denn so schön der Sport auch sein mag – Er ist nicht alles im Leben.

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