Knastmarathon Darmstadt 2018

Manchmal eröffnet es eine spannende neue Perspektive, wenn man die Seiten wechselt. Am vergangenen Sonntag hatte ich die Gelegenheit, dies gleich mehrfach zu tun. Ich war nämlich als Supporter beim Knastmarathon in Darmstadt dabei. Den Wettkampf von außen beobachten, meine Frau an der Strecke betreuen und das in innerhalb von Gefängnismauern. Ja, das war definitiv ein Perspektivwechsel.

Die Idee zu diesem Lauf entstand aus dem Wunsch, das Sportangebot für die Gefangenen zu erweitern und ihnen so eine weitere Möglichkeit zu bieten, ihre Zeit in der JVA sinnvoll zu nutzen. Neben der Teilnahme am Laufsport auch durch die Mitarbeit in den Tätigkeiten des eigens gegründeten Vereins.

Eine Besonderheit am Knastmarathon besteht darin, dass auch 150 externe Starter zugelassen sind und auf der Laufstrecke zusammen mit den inhaftierten Teilnehmern laufen. Apropos Laufen: Die Strecke besteht aus einer rund 1,75 km langen Runde auf dem Gelände der JVA, die 24 mal gelaufen werden muss. Das ist quasi die Steigerung zu den 10 Runden in Rodgau. Spoiler: Laut Aussage der Teilnehmer bekommt man durch die 24 Runden keinen Drehwurm!

Aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen läuft hier alles etwas anders ab. Bei der Anmeldung kann man beispielsweise nur eine Begleitperson angeben und man muss eine Einverständniserklärung abgeben, dass die JVA eine Überprüfung durchführen darf. Ich war noch nie im Knast, aber vermutlich ist das die übliche Vorgehensweise.

Der Weg in den Knast führte durch diverse Sicherheitschecks. Für den Körper gab es einen Metalldetektor, während das Gepäck ähnlich wie auf dem Flughafen durchleuchtet wurde. Dabei wurde auch darauf geachtet, dass keine verbotenen Gegenstände wie Alkohol, Waffen oder auch Handys dabei waren. Danach ging es in einen separaten Raum, in dem wir nochmal gründlich von einem Drogenhund abgeschnüffelt wurden. Das wars. Nun durfte das Gelände der JVA betreten werden.

Und dieses Gelände sah aus wie eine Kaserne. Wenn man allerdings genauer hinsah, dann erkannte man die vergitterten Fenster, hohe Zäune und viel Stacheldraht. Das fühlte sich schon irgendwie komisch an. Eine Mischung aus Beklemmung und Nervosität beschreibt es vielleicht am besten. Und ganz ehrlich: Wegen den Insassen war ich natürlich auch aufgeregt. Ich bin da nicht frei von Vorurteilen. Die Fokussierung auf den Grund für unseren Besuch half aber ungemein, die anfängliche Nervosität zu bekämpfen. Eine über Jahre antrainierte Wettkampfroutine ist eben etwas Wunderbares.

Der Lauf an sich war wirklich toll und liebevoll organisiert. Das erinnerte mich an diese kleinen, feinen Volksläufe, von denen es immer weniger gibt. Die Gefangenen waren sehr freundlich und bemühten sich sehr, damit jeder zufrieden war. Sie kümmerten sich nämlich um die Verpflegung und die Betreuung der Läufer. Durch die vierundzwanzig kurzen Runden hab es auch viele Gelegenheiten, die Athleten anzufeuern. Das machte die Veranstaltung sowohl für die Läufer als auch für die Zuschauer kurzweiliger.

Meine Frau, die ich an diesem Tag begleitet hatte, konnte sich fast das ganze Rennen auf Platz drei halten. Zum Ende hin gelang es ihr dann, auf den zweiten Platz vorzulaufen und den Vorsprung auf die dritte Dame auf rund eine Minute auszubauen. Die kleine Sensation gelang ihr dann aber auf der letzten Runde, als sie die bis dahin führende Frau überholte und das Rennen gewinnen konnte. Marathonsiegern, das klingt gut schon. Und da ich für den Trainingsplan verantwortlich war, kann ich mich nun ruhigen Gewissens Erfolgstrainer nennen. Das klingt ebenfalls nicht schlecht.

Es fällt mir nicht leicht, ein eindeutiges Fazit zu ziehen. Die Veranstaltung an sich war wie bereits erwähnt wirklich klasse. Eine tolle Organisation, mehr als genug Verpflegung für die Athleten und die Zuschauer und viel Unterhaltung mit Musik und einem sehr motivierten Sprecher. Die Begegnung mit den Gefangenen und die paar Gespräche, die ich geführt habe, fand ich auch sehr interessant. Es gibt halt selbst an einem solchen Ort kein eindeutiges Schwarz und Weiß. Ich würde diese Veranstaltung jederzeit weiterempfehlen. Für Marathonkläufer, die einen besonderen Lauf jenseits der großen Stadtmarathons suchen, ist der Knastmarathon definitiv eine Empfehlung.

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