Meine Hassliebe

Immer wieder donnerstags stehen bei mir Intervalle auf dem Trainingsplan. Die Art variiert von Woche zu Woche. Manchmal sind es viele kurze, manchmal wenige lange. Und in wieder anderen Wochen kommen sie in der Form von Treppen oder Pyramiden daher. Intervalltraining ist ein wichtiger Baustein im gesamtheimlichen Trainingskonzept, denn diese Tempospitzen sorgen dafür, dass man schneller wird. Und das ist natürlich mein Ziel: Schneller werden und neue persönliche Bestzeiten aufstellen.

Aber wie so oft im Leben ist auch hier nichts umsonst. Für ein qualitativ hochwertiges Intervalltraining muss man einiges an Leistung und Schmerz investieren. Hand aufs Herz: An den meisten Donnerstagen suche ich schon beim Frühstück eine gute Ausrede, um mich vor dem abendlichen Training zu drücken. Glücklicherweise klappt das fast nie. Ich hasse Intervalle, weil sie mich aus meiner Komfortzone treiben und verflucht anstrengend sind. Bei wirklich guten Intervallen müssen Lunge, Oberschenkel und Waden gleichzeitig brennen. Während der aktuellen Jahreszeit kommt dann noch der Schmuddelwetter-Faktor dazu. Dunkelheit, Regen und Kälte machen es nicht unbedingt angenehmer, sich nach Feierabend für eine Stunde so richtig zu quälen.

Warum tue ich mir dass dann Woche für Woche an? Sind die Zeiten beim Wettkampf wirklich so wichtig? Ist der sportliche Gedanke nicht wichtiger? Alleine dabei zu sein ist doch schon toll, oder? Das klingt ja fast wie meine normalen Donnerstagsgedanken und ist natürlich falsch! Ich gehe Donnerstag für Donnerstag auf die Piste, weil es dafür genau zwei Gründe gibt. Zum einen der erwähnte Wunsch nach einer Verbesserung meiner Laufleistung und der Wunsch nach neuen persönlichen Bestzeiten. Zum anderen aber auch, weil ich Intervalle liebe.

Was? Schrieb ich nicht einige Zeilen weiter oben etwas von Hass und Schmerz? Ja und die Wahrheit ist: Beides stimmt. Ich hasse Intervalle und habe jedes Mal davor ein wenig Angst und teilweise auch Zweifel, ob ich meine Vorgaben packe. Wenn ich mich beim Warmlaufen mit einem Kilometerschnitt zwischen 5 und 6 Minuten über meine Laufstrecke schleppe, dann fühlt sich mein Körper unheimlich schwer und träge an. Ich spüre geradezu das Blei in meinen Beinen, das dort noch vom langen Lauf am Tag davor ist. Während der letzten Minuten des Warmlaufens gehe ich das Intervallprogramm nochmals im Kopf durch. Wie lange und schnell müssen die Intervalle sein? Wie lange die Pausen? Und das soll ich schaffen? Wenn ich die Vorgaben nicht ganz schaffe, ist es ja kein Weltuntergang.

Wenn ich dann allerdings das erste Intervall durch einen Druck auf die Rundentaste meiner Uhr starte, verändert sich plötzlich alles. Das schnelle Laufen ist natürlich anstrengend, aber es ist nicht unmöglich. Und es macht Spaß, an die Grenzen zu gehen und seinen lauten, beschleunigten Atem zu hören. Das zuvor deutlich spürbare Blei in den Beinen ist wie abgeschüttelt. Spätestens nach dem ersten Intervall habe ich ein Lachen im Gesicht. Und auch, wenn sich von Intervall zu Intervall die Erschöpfung steigert und die Muskeln zu schmerzen anfangen, ändert sich hieran meist nichtsmehr.

Man sagt oft, der erste Schritt sei am schwersten. Beim Intervalltraining trifft dieser Spruch hundertprozentig auf mich zu. Ich werde jede Woche aufs Neue davon überzeugt, dass ich mehr kann, als ich mir selbst zutraue. Das motiviert mich immer wieder und vielleicht spornt mich meine Ehrfurcht vor den Intervallen auch dazu an, mich völlig darauf einzulassen. Natürlich bin ich nicht der schnellste Läufer, aber ich glaube, dass ich viel langsamer wäre, wenn ich an die schnellen Einheiten ohne einen gewissen Respekt herantreten würde. Mir hilft diese gedankliche Haltung dabei, die absolute Fokussierung auf diese eine Sache zu erlangen.

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